Die Börsen: Jetzt einsteigen oder lieber abwarten?

Die Trends an den Börsen könnten zur Annahme verleiten, das Schlimmste sei bereits überstanden. Doch viele Prognosen warnen vor zu großer Zuversicht, da die jüngsten, überraschend starken Kurserholungen sehr viel Positives vorweggenommen hätten. Einige gehen davon aus, dass die Märkte das volle Ausmaß der Coronakrise noch gar nicht eingepreist hätten und weiteres Abwärtspotential bestehe. Denn das entscheidende Kriterium für die Bewertung einer Aktiengesellschaft ist die Gewinneinschätzung. Konkret heißt das: Im ersten Quartal 2020 sind die Gewinne aller DAX-Konzerne im Schnitt um 40% eingebrochen.

Nach dem heftigen Absturz der Kurse im März verzeichnen wir derzeit einen Aufwärtstrend. Wenn dieser aber durch Gewinnerwartungen nicht begründet ist, sind die Aktien überbewertet und heute sogar teurer als vor der Krise, als die Kurse noch sehr viel höher waren. Das Kurs-Gewinnverhältnis (KGV) ist inzwischen stark gestiegen. Bei den DAX-Unternehmen liegt es derzeit beim 17-fachen der für das laufende Jahr erwarteten Gewinne. Branchenanalysten könnten die Gewinnschätzungen sogar weiter senken. Immerhin sind sie aktuell immer noch erheblich positiver als nach der Finanzkrise, obwohl Corona die Wirtschaft viel härter treffen wird. Denn jetzt sind alle Bereiche betroffen, nicht nur die Banken.

Die schnelle Erholung an den Börsen erklärt sich deshalb durch Faktoren, die nichts mit den wirtschaftlichen Aussichten zu tun haben. Dazu gehören spekulative Aktivitäten von Hedgefonds, automatisierte Handelssysteme und Managementstrategien nach Kennzahlen und Modellen, die sich auf die Vergangenheit beziehen. Doch Corona hatten wir noch nicht.

Autorin: Heide Härtel-Herrmann, Frauenfinanzdienst Köln